Alles neu macht die Coronavirus-Krise?

Alle, die im österreichischen Gesundheitssystem arbeiten, oder dieses beobachten, wissen, dass die Coronavirus-Pandemie ihre Spuren hinterlassen hat. Digitalisierungsschub und Selbstverantwortung sind zwei der Schlagwörter, die immer wieder gefallen sind.

Sind die Änderungen aber wirklich so tiefgehend und sind sie vorallem auch nachhaltig? Wir haben drei unserer KuratorInnen um Ihre Impuls-Antworten auf die folgenden drei Fragen gebeten:

1) Die Coronavirus-Krise hat viele Änderungen im österreichischen Gesundheitssystem angestoßen. Aber was hat sich denn, aus Ihrer Sicht, wirklich geändert?

2) Aus Ihrer Perspektive, was ist – trotz Corona – gleich geblieben im Gesundheitswesen?

3) Was muss Ihrer Meinung nach jetzt passieren, damit Positives aus der Krise mitgenommen werden kann?

Das haben sie uns zur Antwort gegeben.

Dr. Irene Fialka, CEO bei INiTS und Managing Director beim Health Hub Vienna:

Die COVID-19 Pandemie hat definitiv dazu geführt, dass wir digitaler geworden sind. Sie hat ganz Österreich, der ganzen Welt, denke ich, einen Digitalisierungsschub gegeben. Ganz besonders in der Gesundheitsökonomie ist das natürlich etwas Positives.

Was sich nicht geändert hat ist, denke ich, die grundsätzliche Einstellung von PatientInnen zum Gesundheitswesen. Die Erwartungshaltung in Österreich ist nach wie vor schon ein wenig, dass sich der Staat um meine Gesundheit kümmert. Die Eigenverantwortung hat bei den Maßnahmen gegen die Pandemie sehr gut geholfen - in der Gesundheitsökonomie müssen wir da noch nachlegen. Was sich auch noch nicht wesentlich geändert hat, ist die Regulative, die natürlich noch nicht nachziehen konnte. Man bemüht sich weltweit Innovationen zu beschleunigen, indem man auch diskutiert, wie wir in der Zulassung schneller sein können. Da sind wir aber noch nicht - da müssen wir erst hin.

Ganz klar, es gibt ein paar positive Dinge, die passiert sind - zum Beispiel das E-Rezept; ein paar Digitalisierungsschübe eben - die man einfach mitnehmen muss, um die Effizienz beizubehalten. Was wir auch mitnehmen müssen ist, besser für die nächste Pandemie gerüstet zu sein. Das war ein relativ harmloses Virus - das kann beim nächsten Mal ganz anders sein; es kann sich auch noch verändern. Wir müssen das Learning mitnehmen, dass wir auf solche weltweiten oder auch regionalen Gegebenheiten besser vorbereitet sein müssen: organisatorisch, regulatorisch und - dringend - auch auf der Bevölkerungs- und Gesellschaftsebene.

Mag. Dr. Maria Kletecka-Pulker, Direktorin des Ludwig Boltzmann Instituts Digital Health and Patient Safety:

Das Spannendste, finde ich, ist, dass sich das Sicherheitsbewusstsein sehr verändert hat. Leute legen mehr Wert auf Hygiene oder überhaupt auf ihre persönliche Sicherheit im Krankenhaus - was wir uns im Bereich der Patientensicherheit schon lange gewünscht haben und jetzt auf einmal sehr gut funktioniert.

Gleich geblieben sind die Ressourcen, die von der Gesundheitspolitik zur Verfügung gestellt werden. Das betrifft die Gesundheitsberufe aber auch die Rahmenbedingungen - etwa telemedizinische Lösungen - und die finanziellen Möglichkeiten, Dinge im Gesundheitsbereich zu verändern.

Meines Erachtens nach wäre es am wichtigsten, jetzt diese Chance zu nutzen, wo sich doch vieles verändert hat und der Fokus stärker auf die Sicherheit und die Gesundheit des Einzelnen gerichtet ist. Man muss nun weiter Maßnahmen umsetzen, die helfen, dass PatientInnen im Mittelpunkt ihrer Gesundheitsförderung bleiben.

Dr. Thomas Wochele, Ärztlicher Leiter bei der Caritas Wien:

Dadurch dass Ärzte nicht mehr so einfach zu den PatientInnen konnten, gab es eine sehr große Bereitschaft, sich mit Telemedizin auseinanderzusetzen, und dadurch auf eine neue Art und Weise mit den PatientInnen in Beziehung zu treten. Diese Bereitschaft, sich mit Technologien auseinanderzusetzen, war deutlich größer als davor.

Auch wenn es jetzt diese Bereitschaft gab, sich mit den neuen Technologien auseinanderzusetzen, fehlt noch das übergeordnete Miteinander. Es fehlt eine Struktur, wo verschiedene fortschrittliche Applikationen so vernetzt sind, dass es sowohl für die Anwender als auch für die PatientInnen so einfach wird, dass man eine Telemedizin 3.0 - wie sie bereits technisch möglich ist - auch tatsächlich umsetzen kann.

Ich glaube es ist wichtig, dass sich die großen Player jetzt an einen Tisch setzen und das große Ganze im Auge behalten. Sie müssen schnell Maßnahmen setzen, weil es in der nächsten Welle oder in den nächsten Clustern Erkrankungen geben wird, von denen wir zunächst nicht wissen werden, ob es sich dabei um Influenza, COVID-19 oder ganz etwas anderes handelt. Wir brauchen dann schnelle, gut abgestimmte Lösungen, die wir nur gemeinsam schaffen können. Was wir daher wirklich dringend brauchen, ist eine gemeinsame Abstimmung der großen Player, die für das Gesundheitssystem verantwortlich sind.

Hier gibt es die Antworten als Video: