AHF 2019: Benachteiligung überwinden

„Ärzte, die Angst haben, von Maschinen ersetzt zu werden, gehören ersetzt“, bringt es der renommierte Experte für künstliche Intelligenz Bart de Witte sehr deutlich auf den Punkt. Der ehemalige Chef-Manager für digitale Gesundheitsleistungen von IBM in Österreich, der Schweiz und Deutschland und Gründer einer Open-Source-NGO für künstliche Intelligenz in der Medizin sieht in künstlicher Intelligenz zunächst einmal eine Möglichkeit, Benachteiligungen zu beenden: „Wir sprechen über eine Welt, in der die Hälfte der Bevölkerung keinen Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen und Ärzten hat. Im südlichen Afrika müssen Sie zuerst einmal zehn Ärzte ausbilden, damit einer bleibt. Auf diese Weise benötigen Sie in Nigeria 300 Jahre, um auf unseren Stand in Europa zu kommen.“ Eine an den Fingern einer Hand abzuzählende Zahl an Fachärzten einer medizinischen Fachrichtung für viele Millionen Menschen ist nach Ansicht des Experten in den Entwicklungsländern an der Tagesordnung. Dass unter diesen Umständen die digitale Bildübermittlung, Breitbandkommunikation und maschinell lernende Systeme Enormes leisten können, liegt auf der Hand. „So lassen sich zum Beispiel per Handy angefertigte Augenhintergrundbilder oder von ausgebildeten Krankenpflegern abgenommene Gebärmutterhalsabstriche verschicken, automatisch vorselektieren und begutachten. Ich sage KI-Unternehmen immer wieder: ‚Geht nach Afrika.‘ Da gibt es keine Ärzte, keine Ärztekammer, keine Krankenkasse, nur Probleme, die gelöst werden wollen“, sagt Bart de Witte.

Die Entwicklung in Richtung einer Unterstützung der Ärzte bei Routinetätigkeiten durch Algorithmen und KI ist voll im Laufen. Vergangenes Jahr hat die US-Arzneimittelbehörde FDA 16 Algorithmen zugelassen, darunter einen zur erstmaligen maschinellen Erkennung der diabetischen Retinopathie. Im Jahr 2027 werden 80 Prozent der klassischen Diagnosen durch Algorithmen gestellt werden. Die Angst, dass damit die Ärzte verschwinden würden, sei unbegründet. „Wenn Mensch und Maschine zusammenarbeiten, werden sie immer stärker sein.“ 

Dass die Empathie immer aufseiten der Menschen bleiben wird, steht für Bart de Witte außer Frage: Wer etwas bewegen will, braucht einerseits technisches Wissen, muss aber auch in der Lage sein, komplexe Probleme zu lösen, braucht Empathie und Kreativität sowie die Möglichkeit der Selbstreflexion.